Das Grosse Rätsel
21.04.2017

Veröffentlicht im Magazin, Freitag, 21.04.2017, Text Pascal Hügli & Rino Borini, Bild: Boris Gassmann

Alle reden von künstlicher Intelligenz – dabei gibt es sie gar nicht, sagt Pascal Kaufmann. Damit will der Neurowissenschaftler nicht provozierenoder die allgemeine Euphorie bremsen, sondern die Forschung in die richtige Bahn lenken. Das oberste Ziel müsse es sein, den Braincode zu knacken. Erst wenn wir verstehen, wie das Hirn funktioniert, könne eine künstliche Intelligenz geschaffen werden, die diesen Namen verdient. 

Das Bewusstsein ist heute noch ein Mysterium. Es gibt in der Wissenschaft einige Erklärungsansätze, oftmals sind diese jedoch so abstrus, dass man schlussfolgern muss: Wir wissen herzlich wenig über unser Bewusstsein.

Pascal Kaufmanns Interesse gilt der Arbeit an der Schnittstelle von Technologie und Mensch. Angelehnt an neuronale Netzwerke will er mit seiner Firma Starmind das Wissen innerhalb von Unternehmen kartographieren und den Mitarbeitern zur Verfügung stellen. Eine
Art lernendes Echtzeit-Google, das immer den Kollegen findet, der die Frage am besten beantworten kann. In einem weiteren Schritt soll das Netzwerk auch Privatpersonen zugänglich gemacht werden: Auch sie sollen die bestmöglichen Antworten auf ihre Fragen erhalten – in Zukunft sogar noch bevor sie sich der Frage überhaupt bewusst sind.
Inspiriert wurde der 39-jährige Zürcher durch sein Biologiestudium an der Universität Zürich
und die mehrjährige Forschungsarbeit am Artifical Intelligence Laboratory, wo er zusammen mit dem mittlerweile pensionierten Rolf Pfeifer am humanoiden Roboter Roboy arbeitete. Im Jahr 2010 hat sich Kaufmann zusammen mit Marc Vontobel selbständig gemacht und in Küsnacht (ZH) Starmind gegründet. 2013 erhielten das Unternehmen den Swiss ICT Award als Newcomer des Jahres. Mittlerweile werden Starminds Dienste von diversen Kunden aus unterschiedlichsten Branchen aus über 40 Ländern nachgefragt. 

Herr Kaufmann, als Neurowissenschaftler sind Sie ein viel gefragter Mann. Kaum ein anderes Thema regt die Fantasie derart an wie das der künstlichen Intelligenz. Warum? 

Künstliche Intelligenz ist in der Tat ein Menschheitstraum. Interessanterweise kann man schon seit Jahrhunderten «künstliche Menschen » in Form von Puppen oder Robotern schaffen – was diesen jedoch stets fehlt, ist so etwas wie Leben, manche würden sagen: eine Seele. Das gewisse Etwas, das den Menschen zu einem Menschen macht. Künstliche Intelligenz ist heute in aller Munde, weil viele das Gefühl haben, kurz vor der Entdeckung dieses gewissen Etwas zu stehen.

Was ist künstliche Intelligenz genau?

Intelligenz ist nicht einheitlich definiert, jeder hat seine eigene Definition. Am Labor für künstliche Intelligenz an der Uni Zürich haben wir uns gesagt: Maschinen sind dann intelligent, wenn wir elf von ihnen gegen eine menschliche Fussballmannschaft antreten lassen können und die Roboter-Mannschaft als Sieger hervorgeht. Fussball bedingt, dass die Maschinen im Team funktionieren, mit Unvorhersehbarem zurechtkommen und mitunter auch die Regeln brechen können. Die Maschine sollte alle Facetten besitzen, die das Menschsein ausmachen. Erst dann ist die Maschine aus unserer Sicht intelligent. 

Intelligenz meint also immer das Gesamtpaket?

Betrachtet man bloss Facetten, gibt es stets eine bestimmte Maschine, die dem Menschen überlegen ist. Ein Mikroskop sieht um einiges genauer als das menschliche Auge. Ein Auto ist viel schneller als die menschlichen Beine. Und ein Computer rechnet besser und schneller als das menschliche Gehirn. Man kann irgendeine Fähigkeit des Menschen nehmen und diese künstlich besser machen. Aber alle Facetten in einem künstlichen Wesen zu vereinen, das ist bis heute noch nicht gelungen. 

Wenn Google, IBM oder Uber davon sprechen, «Artificial Intelligence» (AI) zu schaffen, dann meinen sie immer nur eine dieser Facetten?

Richtig. Ich war im März am Start Summit der Universität St. Gallen mit lauter AI-Koryphäen. Zu Beginn meines Referats wollte ich etwas klarstellen: Leute, sind wir alle einverstanden, dass es künstliche Intelligenz noch gar nicht gibt? Wenn ihr eure Produkte mit «AI» umwerbt, ist das eigentlich bloss eine Verkaufsgeschichte. In Tat und Wahrheit verfügen eure Produkte über keinerlei künstliche Intelligenz.

Das ganze Interview als pdf hier